Hermann Scheer kannte die Achillesferse

Erste grüne Stimmen der Vernunft zum Weiterbetrieb von Atomkraftwerken

25. Juli 2022 - Von Henrik Paulitz

Die Münchener Grünen zeigen sich unter Verweis auf die Möglichkeit eines Blackouts offen für einen Weiterbetrieb des Atomkraftwerks Isar-2. Die Versorgungssicherheit der Münchner und Münchnerinnen stehe an oberster Stelle, sagte die Vizebürgermeisterin der bayerischen Landeshauptstadt, Katrin Habenschaden, am Donnerstag.

Ebenso kann sich auch der langjährige Grünen-Politiker Boris Palmer, Oberbürgermeister von Tübingen, Laufzeitverlängerungen von Kernkraftwerken vorstellen. "Alles, das was bringt, um gut durch den Winter zu kommen, darf nicht tabu sein", so Palmer gegenüber der Bild-Zeitung. "Kohle oder Atomkraft – das ist mir diesen Winter nicht wichtig. Entscheidend ist, dass die Industrie nicht abgeschaltet wird, dass sie weiterproduzieren kann."

Habenschaden und Palmer haben erkannt, dass sich der Wind gedreht hat. Sie haben wahrgenommen, dass die Realität gnadenlos zuschlägt und ideologische Wunschträume sehr schnell ganz alt aussehen lässt. Sie haben vermutlich auch Umfragen gelesen, wonach fast schon zwei Drittel der Bevölkerung für die weitere Nutzung der Atomenergie sind.

Nicht zuletzt dürften sie wahrgenommen haben, dass das benachbarte EU-Ausland und selbst EU-Kommissare so langsam die Nerven verlieren mit einem ideologisch vernebelten Deutschland, das energietechnische und energiewirtschaftliche Realitäten mit befremdlicher Arroganz ignoriert und damit das Europäische Verbundstromsystem massiv gefährdet. Der Druck aus Europa wächst immens.

Palmer und die Münchener Grünen haben den Schuss gehört. Dies, nachdem neuerdings auch ein erheblicher Teil der Mainstream-Medien mit wachsendem Unverständnis auf das schlecht begründete Beharren der Grünen auf einem Atomausstieg reagiert und die Partei unter Druck setzt.

Es sind inzwischen zu viele politische Beobachter, die verstanden haben, dass sich Deutschland in eine unauflösliche Sackgasse manövriert hat: Wind- und Solaranlagen bringen bei weitem nicht die versprochenen Leistungen, die jahrzehntelang versprochenen Speicher gibt es nicht. Die Kernenergie als Backup möchte man nicht, obwohl nahezu CO2-frei. Einen Backup mit Kohle möchte man nicht wegen dem CO2, jetzt aber doch. Einen Backup mit Erdgas wollte man trotz der CO2- und Methan-Emissionen, doch nun will man es wegen Putin nicht mehr - neuerdings aber dann wieder doch.

Diejenigen, die der Öffentlichkeit noch immer vermitteln wollen, mit mehr Wind- und Solaranlagen könne man die substanziellen Probleme der Energiewende lösen, können sich keineswegs auf frühe, führende Köpfe der Förderung dieser Technologien berufen. Wolf von Fabeck, einstiger Geschäftsführer des Solarenergie-Fördervereins, einer der Architekten des Stromeinspeisegesetzes von 1990, betonte jahrzehntelang unermüdlich die Notwendigkeit von Langzeitspeichern angesichts der geringen gesicherten Leistung von Wind- und Solaranlagen. Auch "Solarpapst" Hermann Scheer, ehemaliger Bundestagsabgeordneter der SPD, einstiger Präsident der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien (EUROSOLAR) und einer der Architekten des Erneuerbare-Energien-Gesetzes von 2000, betonte unerlässlich die Notwendigkeit von Langzeitspeichern. Hermann Scheer wusste, dass die Energiewende ohne Speicher scheitern muss.

Nachdem man nun 32 Jahre lang einen hohen dreistelligen Milliardenbetrag in die Förderung von Wind- und Solaranlagen gepumpt hat, zeigt sich, dass es keinerlei Langzeitspeicher gibt.

Für jeden ist erkennbar, dass die deutsche Energiepolitik inzwischen völlig absurd geworden ist und nur noch einen Weg kennt: Wir sollen auf zuverlässige und preiswerte Energie, auf eine stabile Währung, auf Industrie, auf Arbeitsplätze, auf Wohlstand, auf warme Wohnungen, auf warmes Duschen, auf Mobilität, auf einen funktionierenden Sozialstaat und auf innere Sicherheit verzichten.

Ausgerechnet die grüne Außenministerin Annalena Baerbock brachte unlängst zum Ausdruck, dass bei einem unmittelbaren Stopp russischer Gaslieferungen mit Volksaufständen in Deutschland zu rechnen sei. Wenige Wochen zuvor hatte sie Erdgas aus Russland noch als überflüssig erachtet.

Alle diejenigen, die unserer Bevölkerung erstaunlich empathielos Energiemangel, ausufernde Energiepreise, CO2-Bepreisungen, inflationäre Enteignungen etc. abverlangen, sollten wissen, dass eine Bevölkerung, zumal wenn es sich um die Mittelschicht und um den Mittelstand handelt, in der Not rasend schnell die vergessenen und sträflich ignorierten Grundzüge der Volkswirtschaftslehre lernt und versteht, die man zuletzt erfolgreich unter allzuviel Ideologie zugeschüttet hat.

Durch Krieg und Sanktionen steht die teilweise verwobene Strom- und Wärmeversorgung in Deutschland vor einem möglichen Kollaps. Und noch immer ist die offizielle Haltung der Grünen, dass wir im kommenden Winter frieren sollen, weil selbst denjenigen, die wie empfohlen Elektro-Wärmepumpen installiert haben, am Ende der Atomstrom für diese fehlen könnte.

So ist es nicht ausgeschlossen, dass "eine alte Weissagung" des Energiekonzerns Steag aus den 1970er Jahren tragische Aktualität erlangen könnte: "Atomkraftgegner überwintern, bei Dunkelheit mit kaltem Hintern".

Dass die Debatte um die Kernenergie jetzt auch in Deutschland erneut aufpoppt, ist kein Desaster und niemand muss sich dafür schämen. Schämen müssten wir uns nur dann, wenn wir irrlichternd einfach so weitermachen würden wie bisher. Wir könnten uns jetzt sehr schnell mit "neuer Schuld" beladen, wenn wir uns weigern würden, einen absehbar ökonomischen Niedergang und eine Destabilisierung Europas zu verhindern.

Machen wir uns nichts vor: Die Energiekrise ist im kommenden April selbstverständlich nicht vorbei. Deswegen geht es auch nicht nur um einen "Streckbetrieb", um eine Laufzeitverlängerung nur von drei Monaten, wie es jetzt in Deutschland sogleich wieder mit größtmöglicher Naivität - bzw. mit Bereitschaft zur Zerstörung dieses Landes - diskutiert wird.

In Belgien möchte man die Laufzeit der dortigen Kernkraftwerke um zehn Jahre verlängern. Man denkt dort angesichts der faktischen Umstände sehr viel weitsichtiger als in Deutschland und warum sollten wir Belgien in dieser Hinsicht nicht als "Vorreiter" betrachten, dem wir folgen? Europa und die Welt müssen nicht unbedingt immer nur am deutschen Wesen genesen!

Gefordert sind jetzt auch die Umweltverbände, die NGOs - wo ist die viel gepriesene "Zivilgesellschaft"? Wo ist der Umweltverband, der es als erstes wagt, seinen Kurs zu korrigieren, um den unmittelbar bevorstehenden, ökonomischen Absturz unserer Volkswirtschaft, um die Destabilisierung Europas zu verhindern?

 

 

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